Jazzstudie 2016

Lebens und Arbeitsbedingungen von Jazzmusiker/-innen in Deutschland



In der Jazzstudie (Link) aus dem Jahr 2016 wurde bereits versucht, das Defizit an empirischem Wissen hinsichtlich der demografischen, sozialen und ökonomischen Situation der professionellen Jazzmusiker*innen in Deutschland aufzuarbeiten. Den Mangel an validen Informationen zu beseitigen, war die zentrale Motivation dieser Studie.


Zum allerersten Mal führte im vorliegenden Fall eine universitäre Einrichtung eine empirische Untersuchung unter Jazzmusiker*innen in Deutschland durch, deren 2.135 verwertbare Datensätze ausreichend Rohmaterial für wichtige inhaltliche Analysen lieferten, um daraus wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für die politischen und administrativen Körperschaften abzuleiten.


Die Jazzstudie 2016 entstand auf Initiative der Bundeskonferenz Jazz (BK Jazz) als nationaler, selbstorganisierter und branchenübergreifender Interessensvertretung der Jazzszene. Sie wurde vom Jazzinstitut Darmstadt, einer kommunalen Forschungseinrichtung von internationalem Rang, gemeinsam mit der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ e.V.) und der Interessengemeinschaft Jazz Berlin (IG Jazz e.V.) als selbstorganisierten Musikservertretungen auf den Weg gebracht und begleitet. Finanziert wurde sie aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie, jeweils zu gleichen Teilen, der Länder Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und schließlich, ebenfalls zu gleichen Teilen, der Projektträger. Durchgeführt und verfasst wurde sie vom Institut für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim, das sich bundesweit als profilierter Berater im kulturwissenschaftlichen Diskurs einen Namen gemacht hat.


Inhalte und Erkenntnisse:


Die Jazzstudie 2016 hat deutlich gezeigt, dass in Anbetracht des geringen Durchschnittseinkommens von professionellen Jazzmusiker*innen sich deren finanzielle Situation ohne Dramatisierung als prekär beschreiben lässt. Hauptgründe sind in erster Linie ein Mangel an angemessen bezahlten Auftrittsmöglichkeiten und eine stetige Verschlechterung der Verdienstsituation im musikpädagogischen Bereich. Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist daher, dass die Förderung der Livemusik-Spielstätten qualitativ weiterentwickelt und quantitativ ausgebaut werden muss. Dabei sind die besonderen Bedürfnisse der originären Jazzclubs besser als bislang zu berücksichtigen. Die Strukturen der Regionalbüros des Kompetenzzentrums der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie der Initiative Musik sind bislang noch nicht an die besonderen ökonomischen und künstlerischen Bedürfnisse der Jazzmusiker*innen angepasst.

Ungeachtet dessen könnte man die überwiegende Zahl der Teilnehmer*innen der Studie als „pragmatische Idealisten“ bezeichnen, die mit wenig Rücksicht auf ihre finanzielle Situation ihr künstlerisches Selbstverständnis als Klangforscher und experimentelle Innovatoren pflegen. Sie bleiben sehr bewusst, aufgrund hoch qualifizierter Ausbildung und trotz verhältnismäßig schlechter Verdienstmöglichkeiten, wichtige Multiplikatoren und Vermittler im Bereich der kulturellen Bildung.

Sorge bereitet nach Auswertung der Studie besonders die Altersvorsorge, v.a. in den Bereichen, in denen ausgebildete Jazzmusiker*innen öffentlich beschäftigt werden (z.B. kommunale Musikschulen, staatliche Hochschulen, Theater und öffentliche Rundfunkanstalten). Diese muss dringend verbessert werden, um hier in Zukunft eine besonders drastische Form von Altersarmut zu vermeiden.

Die Studie wies außerdem deutlich darauf hin, dass die Künstlersozialkasse (KSK) in ihrer bestehenden Form im wahrsten Sinne des Wortes von existenzieller Bedeutung für die soziale Absicherung professioneller Jazzmusiker*innen ist. Neben einer allgemeinen Erweiterung des Leistungsumfangs der KSK, müssen nicht-künstlerische Zuverdienste in bestimmten Grenzen auch weiterhin erlaubt bleiben und gegebenenfalls sogar erweitert werden.

Die Studie legte dar, wie wichtig es ist, darüber nachzudenken, die Arbeit der Jazzmusikverbände in den Ländern, aber auch auf Bundesebene finanziell zu unterstützen, um unabhängige Strukturen der Beratung und Förderung auf allen Ebenen weiter zu stärken. Dies sollte dort, wo dies bislang noch nicht geschieht, z.B. durch dauerhafte und nachhaltige öffentliche Förderung von Geschäftsstellen der bestehenden Jazzinitiativen, Landesarbeitsgemeinschaften Jazz, Landesjazzverbände, Jazzbüros oder durch Finanzierung von Jazzreferent*innen in den Landesmusikräten geschehen.

Die durch die Studie gewonnenen Erkenntnisse über die Lebens- und Arbeitsbedingungen professioneller Jazzmusikerinnen und -musiker verdeutlichte nicht zuletzt, dass die Jazzförderung als Querschnittsaufgabe verschiedener Fachministerien (Soziales, Bildung, Erziehung, Wissenschaft, Kultur) anzusehen ist und nicht allein der traditionellen Kulturförderung obliegt.

Die Jazzstudie 2016 wollte zur Sichtbarmachung und Stärkung der Selbstorganisation der Jazzszene beitragen und die Reformierung bestehender Förderstrukturen und Verbesserungen der wirtschaftlichen und sozialen Lage von Musikschaffenden insgesamt vorantreiben.


Um eine effektive Kulturpolitik betreiben zu können, bedarf es jedoch einer verstärkten Kulturpolitikforschung und regelmäßigen Analysen der künstlerischen Landschaft in Deutschland. An dieses Anliegen schließt sich die Jazzstudie 2022 an.


Links:

Jazzstudie 2016 [Download]: http://jazzstudie2016.de/jazzstudie2016_small.pdf

Infografik [Download]: http://jazzstudie2016.de/jazzstudie2016_infografik_final.pdf

Pressemitteilung: http://jazzstudie2016.de/2016-03-16_PM_Veroeffentlichung_Studie_final.pdf