Gender.Macht.Musik


"Gender.Macht.Musik. Geschlechtergerechtigkeit im Jazz“ (Link) (Hrsg: Deutsche Jazzunion, 2020) gibt mit geschlechtsspezifischen Nachauswertungen der jazzstudie2016 und der Mitgliederumfrage 2018 der Deutschen Jazzunion wichtige Einblicke in die aktuelle Situation von Geschlechtergerechtigkeit in der deutschen Jazzlandschaft.


Spätestens seit der #metoo-Bewegung ist das Thema Geschlechtergerechtigkeit in der öffentlichen Diskussion sichtbar geworden. Aber ist es auch in der Gesellschaft und ihren einzelnen Teilbereichen angekommen? Was hat Geschlechtergerechtigkeit eigentlich mit Jazz zu tun und warum ist das ein Thema für eine Interessenvertretung von Jazzmusiker*innen? Für eine Antwort muss man sich nur die Vorlesungsverzeichnisse der einschlägigen Studiengänge, die Besetzungslisten der hiesigen Rundfunk-Bigbands oder die Leitungsfunktionen der Jazzfestivals in Deutschland anschauen – Frauen sind hier eher eine exotische Erscheinung. Selbstverständlich sind Jazz und seine Akteure ein Teil unserer Gesellschaft und spiegeln damit auch deren Probleme und Diskurse wider. Als Interessenvertretung sind wir in zahlreichen Themenbereichen mit diesem Aspekt konfrontiert. Ob es um Gestaltung von Förderinstrumenten, Nachwuchsförderung, Audience Development, Bildungsprogramme, Besetzungsfragen von Jurys oder um Preisverleihungen geht – ohne Geschlechtergerechtigkeit und Diversität zu reflektieren, ist eine nachhaltige kulturpolitische Arbeit nicht möglich. Die Publikation möchte ihren Beitrag aus der Perspektive des Jazzumfeldes und seiner Akteure dazu leisten. Sie beschäftigt sich mit folgenden Fragen: Wo genau bleiben Frauen auf der Strecke? Welche Mittel schaffen einen gerechteren Zugang? Wo sind z.B. Quoten ein taugliches Mittel? In vielen gesellschaftlichen Bereichen nutzen wir zur Regelung z.B. von Überproduktion etc. Quoten. Hilft eine Frauenquote in Rundfunk-Bigbands? Ändert sich etwas, ohne die Quote? Wo kann man im Bildungssektor Strukturen verbessern? Und natürlich stellt sich auch die Frage der künstlerischen Freiheit. Durch Quoten ergibt sich stets ein Paradoxon – Frauenquoten erheben die Eigenschaft Frau zum Kriterium, obwohl ihr Ziel genau das Gegenteil ist. Wie können wir also die Kunst in die Lage versetzen, möglichst nur sach-immanent zu denken und so künstlerisch belastbare Positionen zu entwickeln und gleichzeitig auch den sozialen Kontext steuern, um gerechteren Zugang zu erzeugen? Überdies verbergen sich in dieser Thematik weitere zentrale (Werte-)Diskussionen: Mit der Frage nach gerechtem Zugang für Frauen ergeben sich in der Konsequenz zusätzliche Fragestellungen und Perspektiven. Welche Gesellschaftsgruppen sind ebenfalls durch ähnliche Mechanismen ausgeschlossen oder benachteiligt? Ist Teilen unserer Gesellschaft der Zugang zu Kultur auf Seite der Schaffenden aufgrund ihres sozialen Hintergrundes verwehrt? Wollen wir eine Gesellschaft, in der Kunst und Kultur weitgehend nur von einer Schicht geprägt wird, da diejenigen, die nicht beispielsweise mit einem Erbe zur Abdeckung zumindest eines Teils der Altersversorgung rechnen können, einen ungleich schwereren Zugang haben? Wie verhält es sich über das Thema des Klassismus hinaus dann mit Rassismus, Homophobie, Ableismus, usw.? Zielgerichtete und passende Maßnahmen können nur entwickelt werden, wenn das Problem verstanden ist. Um wirklich wirksame Verbesserungen zu erzielen, geht es also zunächst um eine differenzierte Bestandsaufnahme und Analyse der Situation.


Die Publikation entstand unter der Projektleitung von Laura Block, die für die konzeptionelle und redaktionelle Arbeit zuständig war, sowie unter Mitarbeit des Jazzinstituts Darmstadt und der IG Jazz Berlin. Thomas Renz stellte die Datengrundlage bereit. Die Publikation umfasst u.a. Beiträge von: Laura Block, Bettina Bohle, Wesselina Georgiewa, Urs Johnen und Max Körner.


Diese Publikation wurde durch die Staatsministerin Prof. Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), gefördert, sowie dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, dem niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa Berlin.


Links:

http://www.deutsche-jazzunion.de/wp-content/uploads/2020/11/GENDER.MACHT_.MUSIK_.2020_digitalversion.pdf

Panel JazzNow! 2020: https://www.youtube.com/watch?v=BczrMQ1klfU&feature=emb_title